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Der Literaturkurs der Stufe Q1 lädt Sie/dich herzlich zu seinen diesjährigen Aufführungen ein. Am 15./16. und 22. Juni jeweils um 19:30 Uhr spielen wir "Nichts - Was im Leben wichtig ist" nach dem bekannten Roman von Janne Teller. Kaum ein Jugendbuch hat in den letzten 20 Jahren so viel Kritik und die Frage nach der pädagogischen Eignung ausgelöst wie Janne Tellers „Nichts. Was im Leben wichtig ist”. Dabei reagieren Jugendliche auf die parabelhafte Erzählung überwiegend sehr positiv, während sich Erwachsene, oft gerade auch Pädagoginnen und Pädagogen kritisch äußern und das Buch sogar gerne für den schulischen „Gebrauch“ verbieten woll(t)en. Gleichzeitig hat Janne Tellers Werk viele Preise gewonnen und ist inszwischen in 15 Sprachen übersetzt worden. Was macht die Rezeption so kontrovers?

Worum es geht.

In der Schule der fiktiven dänischen Kleinstadt Tæring steht eines Tages der Schüler Pierre Anthon von seinem Platz auf und verkündet, dass nichts irgendetwas bedeute. Es lohne sich daher nicht, irgendetwas zu tun. Von nun an findet man Pierre Anthon in einem Pflaumenbaum sitzend. Von dort herab verunsichert er seine Mitschüler und Mitschülerinnen mit nihilistischen Äußerungen („Denn alles fängt nur an, um aufzuhören. (…) Das Leben ist die Mühe überhaupt nicht wert”). Die Äußerungen Pierre Anthons gehen nicht mit dem seitens der Eltern- und Lehrerschaft anerzogenen Wertekonsens konform, nach dem aus den Kindern „etwas werden“ sollte.
Pierre Anthons Mitschüler geraten in Zweifel („Denn irgendetwas hatte er begriffen. Auch wenn wir uns nicht trauten, das zuzugeben.”) und beschließen, in einem stillgelegten Sägewerk heimlich einen „Berg der Bedeutung“ zusammenzutragen, um zu beweisen, dass „Bedeutung“ existiert. Nacheinander soll jeder aus der Gruppe etwas von großer persönlicher Bedeutung opfern und auf den Berg legen. Die Forderungen an die Mitschüler werden dabei immer radikaler. In dem Sog, der entsteht, machen die Jugendlichen auch nicht vor der körperlichen Unversehrtheit Ihrer Mitschüler halt, mehr soll hier nicht verraten werden. Schließlich wird der Berg aus Bedeutung entdeckt. Zunächst machen sich Erschrecken und Entsetzen unter den Erwachsenen breit, dann jedoch werden die Jugendlichen bekannt und berühmt. Es scheint, als hätten sie ihr Ziel erreicht.
Doch am Ende eskaliert die Situation.

Es geht nicht um Nichts, es geht um alles.

Es geht nämlich um die Frage nach der Bedeutsamkeit und dem Wert des eigenen Lebens angesichts der Erfahrung von begrenzten Möglichkeiten und es ist die Kritik an dem Versuch, diese Bedeutsamkeit durch das Befolgen von gesellschaftlich etablierten aber gleichwohl leeren Bedeutungsproduktionsstrategien zu gewinnen.
„Nichts” thematisiert die Frage nach dem Zustandekommen von Bedeutung und eigenem Selbstwerterleben. Es geht dabei gar nicht um eine allgemeine Frage nach dem „Sinn des Lebens”, sondern um die Zerbrechlichkeit der Lebensinhalte angesichts der Möglichkeit einer radikalen Infragestellung menschlicher Existenz z.B. durch dessen Sterblichkeit.

Keine Antworten aber ein eindeutiges Statement
Das Buch nimmt u.E. eine eindeutige Positionierung vor: Es gilt, Bedeutungslosigkeit auszuhalten und sich nichts vorzumachen. Pierre Anthon hat recht und behält recht. Die Jugendlichen werden anfangs noch etwas ambivalent und unsicher gezeigt, sie durchschauen das gesellschaftliche Spiel um Bedeutung; dann aber werden sie Zug um Zug die Verteidiger der Gesellschaft. Ausgestattet mit einem den Jugendlichen eigenen Radikalismus führen sie so der Gesellschaft vor, was passiert, wenn man die Bedeutung der Frage nach der Bedeutung nicht ernst nimmt.
In gewisser Weise wird in „Nichts” an den Jugendlichen durchexerziert, was passiert, wenn man sich der Illusion von übernommenen (und im Buch jedenfalls so verstandenen: überkommenen) Bedeutungswelten hingibt: Man lebt latent mit dem Selbstbetrug und jeder Versuch, sich daraus zu befreien, endet zerstörerisch.

Und gibt es sie denn, die Bedeutung?

Die Frage, was Bedeutung gewährleistet, wird in „Nichts” unterschiedlich beantwortet: Pierre Anthon sagt „nichts”, es gibt die Gewähr nicht. Die Klassenkameraden sagen: das subjektive Erleben. Sie scheitern nicht daran, ihre eigenen Dinge als bedeutsam zu erleben, wohl aber daran, sie einem anderen zu vermitteln. Die menschlich vermittelten Bedeutungen können sich verändern. Die Radikalität und Abschreckung der Erzählung bestehen u.a. darin, dass alles, selbst seelisches Leiden und körperliche Unversehrtheit, bedeutungslos werden kann.
Drei Aspekte bleiben dabei aber bestimmend und lohnen der individuellen Ergründung:
Die Unabdingbarkeit einer entwickelten persönlichen Weltanschauung, die Auseinandersetzung mit der Frage nach der Entstehung von Bedeutsamkeit im eigenen Leben und die Verantwortung, sich der individuellen Schwäche und Verführbarkeit bewusst zu sein, um adäquate Lebensideale mit dem Ziel entwickeln zu können, ein erfülltes Leben zu führen.
Pauschalisierte Antworten sind dabei ausgeschlossen.

Unser Nichts…

Wir zeigen die Protagonisten acht Jahre später, als junge Erwachsene, die sich längst aus den Augen verloren hatten („Wir spielten nicht mehr zusammen und trafen uns nie wieder.“) und sich nun mehr zufällig bei einem Stadtfest wiedersehen und sich an die Geschehnisse erinnern. Unsere Spielerinnen und Spieler sind allesamt „verbrannt“ von den damaligen Erfahrungen und sie sind noch nicht wirklich weiter… immer noch auf der Suche… Sie werden in ihren Erinnerungen immer wieder die Jugendlichen von damals, machen den Spagat zwischen Komik und Trauer, sind unbedacht oder zynisch, sind verletzlich und verletzend. Sie haben ihre Erinnerungen zu verdrängen gesucht, jetzt kommen sie wieder. Sie hatten sich abgefunden oder etabliert, jetzt sind sie wieder ín Frage gestellt…
Das alles ist nicht etwa nur traurig und ernst, es ist auch oft tragisch komisch oder komisch tragisch, manches Mal auch nur albern witzig, es darf und soll gelacht werden.
Unser „Theater“ ist keine Moralanstalt, aber es konfrontiert, und es stellt Fragen und lässt Antworten zu. Es ist also bedeutend! 😉
Wir wollen mit euch die Bedeutung suchen, aber finden müsst ihr sie…